(L)OST PLACES
Leben zwischen Show- und Freiräumen
Am Reißbrett funktional geplant, seriell gebaut, baulich den Verheißungen der Idee einer neuen Gesellschaft mit „sozialistischen Menschen“ entsprechend – so sollte eine spezifische moderne Architektur die Stadtbilder und damit den „Neuen Menschen“ prägen, Gemeinsamkeit und Gemeinsinn zum Aufbau des Sozialismus stiften. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch dieses Aufbauversuchs befragt das Projekt dessen bauliche Überreste historisch sowie mit Gegenwartsperspektive neu. Dazu erkunden junge Menschen in Deutschland, Polen, Tschechien und der Slowakei Orte der kommunistischen Diktaturen. Neben der Selbsterkundung mit Karte, Kamera und Notebook wird nach Zeitzeugen geforscht, um diese zu den L(OST) PLACES und ihrer dazugehörigen persönlichen Geschichte zu befragen. Zentrales Produkt sind interaktive 360°-Fotopanoramen der aufgesuchten Orte.
Gemeinsam ist allen Partnerländern, dass das Bauen im damaligen „Ostblock“ stets von Kunst im öffentlichen Raum flankiert wurde. Auch wenn nicht alle Bauten in ihrer Gestaltung gleichermaßen wertvoll waren, sind die verbliebenen doch wichtige Zeitzeugnisse der Geschichte, die häufig kaum Beachtung finden. Das Projekt will junge Menschen in Deutschland, Polen, Tschechien und der Slowakei für die Relikte der sozialistischen Diktatur sensibilisieren und sie ermutigen, sich mit ihrer Funktion, Symbolik und Aussage intensiver auseinanderzusetzen, sie im öffentlichen Raum wiederzuentdecken und zu verstehen.
Im Rahmen von Workshops machen sie sich in allen vier Staaten auf die Suche nach baulichen und/oder künstlerischen Zeugnissen der kommunistischen Diktatur im öffentlichen Raum. Dazu können sowohl Orte der Verfolgung und Gewalt als auch Orte der Repräsentation und (alltäglichen) Ausübung kommunistischer Herrschaft zählen. Zentrales Produkt sind interaktive 360°-Fotopanoramen der aufgesuchten Orte. Sie bilden diese nicht nur ab, sondern kontextualisieren sie weitergehend, binden die Fotos, Dokumente und Kamerainterviews der Jugendlichen mit Betroffenen ein.
Ausgehend von der im Projektverlauf entstehenden Webpräsenz können junge Menschen auch nach Projektabschluss in den jeweiligen Stadträumen ihr Lebensumfeld entdecken. In der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird in verschiedenen Formaten auch an die eigenen Wünsche, Hoffnungen und Vorstellungen einer gelungenen Zukunft angeknüpft. Welche Werte sind uns wichtig? Welche wollen wir in die Gesellschaft einbringen und bewahren – und nicht zuletzt: Wie wollen wir wohnen und Stadt er- bzw. beleben? Da auch die Zeit der politischen Umbrüche im „Ostblock“ Teil der inhaltlichen Arbeit sein wird, können der Mut der Bürger, ihre Hoffnungen, Ideen und Visionen 1989/90 über die deutschen Grenzen hinaus in den Blick genommen, diskutiert und gemeinsam bearbeitet werden.
Das Potenzial von (L)OST PLACES für die Vermittlung von Zeitgeschichte wird bisher kaum ausgeschöpft. Auf die Spur solcher ebenso polyphonen wie dissonanten und kontroversen Orte des ehemaligen „Ostblocks“ begibt sich das Projekt gemeinsam mit Jugendlichen aus vier Staaten und der Frage nach dem Leben zwischen Show- und Freiräumen.

The buildings that look new are, in fact, stylistically older than the buildings that look old, but date back only to the recent socialist past.