Leben in doppelter Wirklichkeit
Kommunistische Diktaturerfahrungen in vergleichender Perspektive
Das Projekt thematisiert einen bislang wenig beleuchteten Aspekt im Erinnerungsdiskurs über die Diktaturen des 20. Jahrhunderts und deren Folgen für die deutsche Gesellschaft: die kommunistische Diktaturerfahrung der Russlanddeutschen. In Deutschland prägt die Auseinandersetzung mit den zwei Diktaturen (Nationalsozialismus und Kommunismus) die Gedenkkultur maßgeblich. Der Fokus liegt dabei jedoch stark auf der nationalsozialistischen Vergangenheit, während die Verbrechen des Kommunismus, insbesondere jene des Stalinismus, in der öffentlichen Debatte und Wahrnehmung tendenziell unterrepräsentiert sind. Das Projekt verfolgt das Ziel, die historische Genauigkeit, pädagogische Relevanz und gesellschaftliche Bedeutung der Erfahrungen der Russlanddeutschen unter der kommunistischen Diktatur herauszuarbeiten und deren Auswirkungen auf die deutsche Erinnerungskultur zu beleuchten. Es berücksichtigt die vielschichtige Geschichte dieser Minderheit, deren Schicksal durch Stalins Repressionen und Deportationen geprägt wurde.
Die Geschichte der Russlanddeutschen ist eng mit der kommunistischen Diktatur verflochten. Fast jede russlanddeutsche Familie wurde in der Sowjetunion Opfer von Stalins Repressionen und Deportationen, viele Angehörige waren in Gulags inhaftiert. Während der DDR-Ära kam es auch in Ostdeutschland zu politisch motivierten Verfolgungen, die in enger Verbindung zu den repressiven Strukturen der Sowjetunion standen. Diese historische Perspektive wird durch authentische Artefakte, Archivalien, hochwertige Faksimiles und Modelle sowie innovative Darstellungsmethoden und digitale Medien nachvollziehbar gemacht.
Unser Projekt umfasst eine mobile Ausstellung sowie ein interaktives „mBook“ (multimediales Lehrbuch), die interdisziplinär die Vielschichtigkeit der Geschichte der Russlanddeutschen beleuchten. Die russlanddeutsche Minderheit trägt heute zur Diversität der deutschen Gesellschaft bei. Die Russlanddeutschen sind gerade im innerdeutschen Diskurs neben den sogenannten „West- und Ostdeutschen“ eine weitere gleichberechtigte „deutsche Gruppe“, deren Erfahrungen als legitimer Beitrag für die Auseinandersetzung mit den historischen Grundfragen über Krieg und Frieden, Recht und Unrecht, Teilhabe und Ausgrenzung, Freiheit und Bevormundung zu beachten ist. Ihre Erfahrungen und Perspektiven bereichern die Erinnerungskultur und erweitern den historischen Diskurs um wichtige, oft unterrepräsentierte, Aspekte. Ein besonderer Fokus im Projekt liegt hierbei auf der Kulturgeschichte der Russlanddeutschen im Vergleich zu Erfahrungen in der DDR. So wird die gesellschaftsprägende Ideologie des „homo sovieticus“ in der DDR und der Sowjetunion und ihre Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeiten untersucht.
Die mobile Ausstellung und das interaktive mBook sollen zur Förderung einer multiperspektivischen Betrachtung der deutschen Geschichte und zur Vermittlung demokratischer Werte beitragen. Sie bieten wertvolle Einblicke in die Mechanismen kommunistischer Diktaturen und die langfristigen Auswirkungen dieser Erfahrungen. Die didaktische Aufbereitung schließt unterschiedliche Mediengenres ein und fördert durch interaktive Lernszenarien das Verständnis für die historischen und politischen Kontexte.
